Gerd Jüttner im Interview mit dem TOP THÜRINGEN MAGAZIN

29. September 2015

Wie das vereinigte Deutschland feiert auch Gerd Jüttner aus Blankenhain in diesem Jahr ein 25-jähriges Jubiläum. Der Bauingenieur machte sich am 1. Juli 1990, dem Tag der Währungsunion, in Blankenhain selbstständig. Heute beschäftigt der 58-Jährige in seiner Jüttner Treppenbau GmbH und der europaweit tätigen JKB Jüttner Ladenbau GmbH 120 Mitarbeiter. TOP sprach mit Gerd Jüttner über einen Schock, echte Freundschaft und beruhigende Aussichten

Herr Jüttner, warum haben Sie Ihr Unternehmen ausgerechnet am Tag der Währungsunion gegründet?
Am 17. März 1990 wurde das Reprivatisierungsgesetz beschlossen, nach dem alte DDR-Betriebe, die bereits als PGH eigenständig waren, unter bestimmten Bedingungen zurückgeführt werden konnten. Das habe ich als Betriebsteilleiter des VEB Kreisbau Weimar Land für den Betriebsteil Blankenhain am 1. Juli beim Rat des Bezirkes in Erfurt beantragt und durchgedrückt. An diesem Tag brauchte ich nicht auf die Bank gehen, weil ich kein Geld zum Tauschen hatte.

Konnte man sich einfach mit einem VEB Betriebsteil selbstständig machen?
Wir haben es einfach gemacht, über die Verhandlungen mit dem Rat des Bezirkes könnte ich allerdings ein Buch schreiben. Die notarielle Rechtsgrundlage und die Registereintragung wurden erst im September ’90 bzw. im Januar ’91 geschaffen. So etwas ist heute unvorstellbar. Das war ein großes Abenteuer, eine Mischung aus Mut und Risiko. Wir hatten Aufträge abzuarbeiten und haben einfach angefangen. Ich habe auch nicht darüber nachgedacht, dass ich plötzlich die Verantwortung für 32 Mitarbeiter und 8 Lehrlinge hatte, deren Übernahme war die Bedingung für die Reprivatisierung.

Gerade einmal acht Monate zuvor fiel die Mauer.
Am 9. November 1989 saßen wir im Betrieb mit Vertretern eines litauischen Partnerbetriebes zusammen. Auf der Heimfahrt sagte mir der Chauffeur, die Mauer sei gefallen. Ich dachte zunächst, er macht einen Spaß.

Was haben Sie empfunden, als Sie realisierten, dass das kein Spaß war?
Das ist schwierig zu sagen, ich war ein Kind des Sozialismus. Meine Eltern ermöglichten mir ein Studium an der Weimarer Hochschule für Architektur und Bauwesen, der heutigen Bauhaus-Universität. Danach konnte ich ab 1983 in Blankenhain in meinem Traumberuf als Bauleiter arbeiten. Für mich war der Mauerfall ein Schock, ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Heute bin ich traurig, dass ich nicht nach Berlin gefahren bin und das alles miterlebt habe. Deshalb zieht es mich jetzt immer wieder in die Hauptstadt. Ich stehe dann am Brandenburger Tor und erinnere mich, wie ich mit meinen Eltern dort stand und sie sagten, da drüben ist die andere Welt. Und jetzt können wir da einfach durchlaufen!

Wann haben Sie reflektiert, dass der Mauerfall auch berufliche Auswirkungen haben könnte?
Das ging relativ schnell. Wir dachten aber, dass wir fünf, zehn Jahre Zeit für die Umstellung haben. Die hatten wir aber nicht. Weihnachten ’89 sagte ich zu mir: Jetzt musst du dich umschauen, wie die das im Westen machen, das geht hier nicht so weiter. Da ist für mich auch erst der Begriff Freiheit entstanden, den wir vorher nicht kannten. Ich wollte mich mit einem Teil der Belegschaft selbstständig machen. Wir hatten schließlich Erfahrung mit Holz, Bauelementen, Türen und Fenstern.

Aber Sie hatten keinerlei Erfahrung mit der Marktwirtschaft.
Das stimmt. Zum Glück habe ich im Januar ’90 bei einer Reise in die alten Bundesländer den Unternehmer Georg Bauer kennengelernt. Er tat das, was wir heute auch tun: Treppen und Ladenbau. Er war 35, ich 33, da dachte ich mir, das kriege ich auch hin. Daraus ist eine bis heute andauernde tiefe Freundschaft entstanden. Er hat uns die Chance gegeben, in diese Branche hineinzukommen. Anfang August richteten wir den ersten Norma- Markt in Rudolstadt ein.

Heute beschäftigen Sie 120 Mitarbeiter. Was ist das Erfolgsrezept?
Wir haben mit 32 Mitarbeitern angefangen und sind stetig gewachsen. Heute haben wir 120 Mitarbeiter und arbeiten europaweit. Unsere Philosophie – Wir wollen nicht einer der Größten werden, aber einer der Besten bleiben – hat sich nicht geändert. Wir sind sozial eingestellt und pflegen einen guten Umgang mit unseren Mitarbeitern, denn Maschinen kann man austauschen, gute Mitarbeiter nicht so leicht. Das Wichtigste ist aber immer, dass es Spaß macht, auch in schwierigen Zeiten. Meine Devise lautet: mit Freude zum Erfolg! Genauso wie ich mit Freude zur Jagd gehe, habe ich Freude bei der Arbeit.

Die Ihre Tochter Karina Jüttner, die die Firma übernehmen wird, teilt.
Ja, sie ist seit 19 Jahren dabei und seit 2007 in der Geschäftsleitung. Zudem hat ihr Mann eine verantwortungsvolle Position. Was kann es Schöneres geben: Die Firma bleibt in Familienhand. Ich kann mich beruhigt in den nächsten Jahren etwas mehr um meine Enkel und die Jagd kümmern. Beneiden tue ich meine Tochter aber nicht, denn wir befinden uns in einem Verdrängungswettbewerb, das ist eine große Herausforderung. Ich könnte die Firma auch verkaufen. Aber wäre das nicht schlimm?

Herr Jüttner, vielen Dank für das Gespräch.

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